Betrachtet man das malerische und bildhauerische Werk von Klaus Prior, so lassen
sich drei spezifische Charakteristika benennen. Das sind: die expressive Gestik,
die intensiv-
Klaus Priors Kunst, seine Skulpturen ebenso wie seine Werke auf Leinwand und Papier entstehen ohne vorhergehende Skizze, ohne Modell, je nach Größe oft in einem Arbeitsgang, spontan und konzentriert zugleich.
In einer Form des psychischen Automatismus wird die augenblickliche Befindlichkeit visualisiert.
Die Bilder spiegeln rohe, intuitive Empfindungen.
Mit spontan gewählten Farben, impulsiven Gesten und rasch hingeworfenen Pinselstrichen umreißt der Künstler aus einer inneren Notwendigkeit die Silhouetten seiner Motive.
In den offensiven Ausbrüche über die Formgrenzen hinaus, in der proportionalen Überbetonung von Köpfen, Gliedmaßen, Gesichtern oder Gebärden, in all jenen eigenwilligen Stilmitteln leben die unkaschierten Arbeitsspuren als Manifeste des momentanen Ausdrucks fort.
Wie tagebuchartige Skizzen legen besonders die Zeichnungen, Gouachen und Aquarelle
den Arbeitsprozess offen.
Die Unmittelbarkeit der Strichführung, die Betonung
eines Gesichtes oder einer Geste durch zeichnerische Verschachtelung -
Klaus Prior hat sich nie an den Neuen Wilden der 80er Jahre orientiert, und doch steht seine Kunst in einer weiterführenden Tradition von Expressionismus und Neoexpressionismus.
An die expressionistischen Bildwelten erinnert der freie Umgang mit dem Lokalkolorit und die emotionale Farbinterpretation im Dargestellten.
Die im-
Bildhauerisch arbeitet Klaus Prior hauptsächlich in Holz, einem der ältesten Werkstoffe künstlerischen Arbeitens überhaupt (auch die Eisengüsse sind Abgüsse von Hölzern).
Klaus Priors Holzskulpturen spiegeln ungefilterte, intuitive Empfindungen und authentische Befindlichkeiten.
Sie übersetzen den impulsiven Rhythmus der Pinselstriche ins Dreidimensionale.
Kettensäge und Stechbeitel dienen als technische Hilfsmittel, massive Baumstämme mit gezielt gesetzten Eingriffen in menschliche Gestalten und Körperfragmente zu verwandeln.
In den Oberflächentexturen spiegelt sich die Wucht der Sägeschnitte und mit ihnen die rohe Unmittelbarkeit des kraftvollen künstlerischen Eingriffs.
Zur expressiven Kraft der Figuren, ihren Körperproportionen, ihren Haltungen, Gesten und archetypischen Formgebungen tritt ausdruckssteigernd die Bemalung hinzu.
Im Prozess der Suche nach einer immer stärkeren künstlerischen Reduktion findet er in jüngster Zeit zu einer Auseinandersetzung mit den unbunten Farben Schwarz und Weiß.
Zentrales Motiv in Klaus Priors künstlerischem Schaffen ist der Mensch.
Einzelne
Köpfe, schlaffe, ausgemergelte oder wohlgenährte, aufgeblähte Körper mit kantigen
oder zerfließenden Gesichtern, gestikulierenden, überlängten oder zwergenhaft gedrungenen
Leibern und immer wieder einzelne Köpfe charakterisieren das schier unermesslich
Spektrum menschlicher Körperlichkeit.
Klaus Prior meidet die Positionierung seiner Gestalten in einem episodischen Zusammenhang.
Er meidet die Zugabe von Attributen, Gebrauchsgegenständen oder anderweitigen Hinweisen auf einen erzählerischen Kontext.
Seine Figuren stehen in ihrer schweigenden Gestik und Körperhaltung ausgesondert, losgelöst von einem erläuternden situativen Bezug. Sie sprechen alleine für und über sich.
Klaus Priors Kunst ist geprägt von den nachhaltigen Erinnerungen seiner Kindheit und Jugend im Nachkriegsdeutschland, der Erkenntnis von der Geworfenheit und Zerbrechlichkeit des Menschen, gepaart mit den Lebenserfahrungen in einer multinational geprägten industriellen Arbeiterkultur.
Seine Bilder und Skulpturen sprechen von der stetigen Begegnung des Menschen mit Schmerz, Verwundung und Isolation.
Die menschliche Figur steht in seiner Kunst exemplarisch für eine Spezies, die sich
ob ihres Intellektes als Vollendung der Schöpfung begreift. Klaus Prior hinterfragt
und kritisiert diese Überheblichkeit grundlegend. Im Sinne Arthur Schopenhauers deutet
er den Menschen als gespaltenes, zwischen Triebhaftigkeit und Vernunft hin-
Der Künstler allein ist in der Lage, das wahre Sein der Dinge und die Welt als subjektive Vorstellung zu erkennen.
In der künstlerischen Vorstellung von Klaus Priors spiegelt sich eine Wahrheit und Weltbetrachtung, die zwischen Erschrecken, naivem Staunen und offensiven Feststellungen angesichts unserer Umwelt und unserer gesellschaftlichen Stereotypen angesiedelt ist.
Die Zuwendung zur sozial Geschichtlichkeit hat Klaus Prior gelehrt, die Kultur unserer Tage kritisch zu beobachten.
Die Geschichte behandelt Vergangenes, Unwiederbringliches, aber keineswegs Abgeschlossenes, Erledigtes.
Klaus Priors Kunst zeigt bedingungslos die Deformationen unserer Gesellschaft, welche
ewige Jugendlichkeit, äußerliche Schönheit, Erfolg und Mobilität als absolut setzt
und kaum Platz lässt für allzu Menschliches, für Schwäche, Krankheit, Desillusion
und Erfolglosigkeit.
(Katalogtext Stefanie Dathe)